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© Stadt Bottrop

Neue Stolpersteine im Eigen verlegt

Nachfahrin von ehemaligen Nachbarn hatte intensiv recherchiert.

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Zur Erinnerung an das Schicksal der jüdischen Familie Meyer wurden gestern (11.06.) im Stadtteil Eigen fünf neue „Stolpersteine“ verlegt. Neben Oberbürgermeister Bernd Tischler waren auch Nachfahren von ehemaligen Nachbarn, die nun in den USA leben, zur Setzung an der Gladbecker Str. 334 gekommen. August Meyer hatte hier ab etwa 1920 mit seiner Ehefrau Fanny ein Manufaktur- und Konfektionsgeschäft geführt, das nach seinem Tod 1938 von seinem Sohn Wilhelm übernommen wurde. In der Reichspogromnacht am 9./10. November 1938 wurden das Geschäft und die darüber liegende Wohnung durch die Nazis verwüstet.

Das zerstörte Kaufhaus Meyer am Tag nach der Pogromnacht© Landesarchiv NRW

Die Familie wurde unter Schlägen und Tritten auf die Straße getrieben, wo sie, unter weiteren Misshandlungen, der Zerstörung ihres Hab und Gutes zusehen mussten. Der knapp 13 Monate alte Sohn Edgar August sollte während des Tumults aus dem Fenster geworfen werden. Wohl nur durch das mutige Einschreiten des Nachbarn Friedrich Sommer überlebte das Baby. Johanna Beckfeld (später Banner) versteckte ihn und seine Mutter Fajga Dobra Meyer einige Wochen bei sich unter Todesangst, entdeckt zu werden, bis die Familie nach Palästina fliehen konnte. 

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Liesel Appel, geborene Steffens, hat fast ihr ganzes Leben mit der Suche nach Spuren der Familie Meyer verbracht. Ihre Familie wohnte damals im Nachbarhaus und sie hatte zunächst angenommen, dass ihr Vater derjenige war, der das Baby gerettet hatte. Sie musste aber erfahren, dass er ein hoher Nationalsozialist gewesen war und auch ihre Mutter dieser Ideologie nahestand. Ihre jahrzehntelange Suche war schließlich erfolgreich, doch Edgar August Meyer war zu diesem Zeitpunkt leider schon verstorben. Heute lebt Liesel Appel in den USA.

Sie ist mit ihrer Familie zur Setzung der „Stolpersteine“, die für sie ein sehr wichtiges Zeichen der Erinnerung sind, nach Bottrop gekommen. Denn die Geschehnisse der Familie Meyer, der wie anderen jüdischen Familien, durch die Nazis so viel Leid zugefügt wurde, dürfen nicht vergessen werden, so sagt sie. Aber es soll auch daran erinnert werden, dass es in dieser dunklen Zeit auch mutige Menschen gab, die geholfen haben.

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Die Stolpersteine haben sich, seit der Künstler Gunter Demnig die Idee zu diesem Projekt Anfang der 1990er Jahre entwickelt hat, zu einem unverzichtbaren Bestandteil der Erinnerungskultur und des Umgangs mit der Zeit des Nationalsozialismus entwickelt. Mehrere Dutzend Stolpersteine finden sich bei uns in Bottrop. "Jeder einzelne ist Erinnerung und Mahnmal zugleich, an und für die Zeit des Nationalsozialismus und an und für all die Menschen, die dem damals herrschenden verbrecherischen System aus verschiedensten Gründen zum Opfer fielen", so Bernd Tischler.

Einladung zu einer Veranstaltung des Stadtarchiv

Zu diesem Thema lädt das Stadtarchiv am Montag, 16. Juni ab 18 Uhr zu einer weiteren Veranstaltung ein. Im Filmforum im Kulturzentrum August Everding wird die Duisburger Historikerin Dr. Marina Sassenberg unter dem Titel „Was haben ‚Stolpersteine‘ mit Demokratie zu tun?“ über Erinnerungskultur in Zeiten des Umbruchs sprechen. „Stolpersteine“ sind ein fester Bestandteil deutscher Erinnerungskultur. Aber was genau ist demokratisch an diesem ins Straßenpflaster eingelassene Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus? Warum ist es so erfolgreich wie umstritten? Worin liegen seine Stärken und Schwächen und warum sind „Stolpersteine“ ohne historische Aufklärung über deutsch-jüdische Demokratiegeschichte sinnlos? Der Vortrag skizziert eine anhaltende Debatte und schlägt eine Brücke zwischen historischer Bedeutsamkeit und gegenwärtigem Handeln.

Der Eintritt ist frei.