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© Stadt Bottrop

Ausstellung setzt auf Vertrauen in der Kunst

„Longing for Trust“ zeigt raumfüllende Installationen im Museum Quadrat

„Vertrauen“ ist eine Kategorie, die von Sozialwissenschaftlern und politischen Institutionen vielfach aus unterschiedlichen Perspektiven betrachtet wird. In der Kunst ist dieser Aspekt hingegen eher unterbelichtet. Das Josef-Albers-Museum Quadrat greift das Thema Vertrauen in der Kunst jetzt mit der Ausstellung „Longing for Trust“ auf.

Für Museumsdirektorin Dr. Linda Walther ist die Verbindung naheliegend. Wird in Umfragen nach dem Vertrauen von staatlichen Institutionen gefragt, landen Museen immer auf den vorderen Plätzen. „Vertrauen ist das Schmiermittel der Gesellschaft“, sagt Dr. Walther.

Linda Walther (v.l.), Julius Osman vom Quadrat führen mit den KünstlerInnen Julia Scher, Christina Cott Negoescu und Lee Mingwei durch die Ausstellung.© Stadt Bottrop

Vertrauen wirkt als unsichtbare und verbindende Kraft in persönlichen Beziehungen ebenso wie in gesamtgesellschaftlichen Kontexten. Sie verortet sich dort, wo Wissen und Ungewissheit sich treffen; in privaten Beziehungen ebenso wie im Gefüge einer globalisierten Gesellschaft. 16 Künstlerinnen und Künstler widmen sich diesem elementaren und doch so fragilen Phänomen durch die Perspektive der bildenden Kunst mit teilweise raumfüllenden Installationen.

„Longing for Trust“ versammelt Werke seit den späten 1950er Jahren. Die Ausstellung provoziert ein Nachdenken über das Vertrauen, seine Voraussetzungen, Implikationen und Erscheinungsformen, sei es im intimen Dialog zwischen Werk und Betrachter*in oder in der Auseinandersetzung mit politischen Macht- und Kontrollsystemen. Vertrauen ist kein statischer Zustand, sondern ein dynamischer Prozess, dessen Notwendigkeit und Gefährdung in der zeitgenössischen Kunst immer wieder eine zentrale Rolle spielt.

Mit der Installation eines Garagen-Flohmarkts inszeniert Julia Scher den Gegensatz von Vertrauen und Überwachung.© Stadt Bottrop

Vertrauen bildet das unsichtbare, aber tragende Gewebe unseres alltäglichen Zusammenlebens. Das Überqueren einer Straße, das Unterschreiben von Dokumenten oder das Erzählen der eigenen Sorgen verlangen Vertrauen als Vorleistung. Vertrauen bedeutet, sich verletzlich zu machen — in der Hoffnung auf Verbundenheit, Stabilität und ein gelingendes Miteinander.

In einer Gegenwart spürbarer Verunsicherung, die von technologischen Kontrollregimen und einem schwindenden Glauben an gesellschaftliche Institutionen geprägt ist, wird diese unsichtbare Kraft brüchig. Die Gruppenausstellung „Longing for Trust“ fragt nach den feinen Rissen, aber auch nach den tragenden Netzen unseres Zusammenlebens. Vertrauen wird nicht als starre, theoretische Formel verhandelt, sondern als ein lebendiger Prozess, der Offenheit und den Umgang mit Ungewissheit verlangt.

„Trust Me - We Trust“: An einem Automaten werden Münzen neu verpresst.© Stadt Bottrop

In den Werken von Marina Abramovic & Ulay, Hans Haacke, Martin Kippenberger und Yoko Ono geht es um Vertrauen in seinen intimsten und zugleich extremen Formen. Sie machen deutlich, was es bedeutet, Kontrolle abzugeben: als bedingungslose Auslieferung, als spielerische Kooperation, als humoristische Selbstdarstellung und als kritische Befragung von Machtstrukturen.

Wo Menschen einander begegnen, stellt sich die Frage: Wie viel Kontrolle ist möglich und wie viel Vertrauen nötig? Ein echtes Gegenüber lässt sich nicht kalkulieren. Es fordert dazu heraus, den sicheren Raum der eigenen Gewissheiten zu verlassen und sich auf das Unvorhersehbare einzulassen. Vertrauen kann dabei die Distanz zwischen einem »Ich« und einem »Du« überbrücken.

Hunderte Fäden der Unterstützung weben ein Netz für das gegenseitige Vertrauen in der Installation von Lee Mingwei.© Stadt Bottrop

Gauri Gill & Rajesh Vangad und Meiro Koizumi machen deutlich: Zusammenarbeit ist immer mit einem Risiko verbunden. Sie bedeutet, im Austausch aktiv zu bleiben und Grenzen zu verhandeln, aber auch alleinige Kontrolle aufzugeben. Wenn zwei Künstlerinnen gemeinsam ein Werk erarbeiten, müssen sie vertrauen: Das Eigene wird in die Hände eines oder einer anderen gelegt und daraus entsteht etwas Neues. Dieses Miteinander birgt eine Kehrseite: Wo bedingungsloses Vertrauen gefordert wird, können Abhängigkeiten und ungleiche Machtgefüge entstehen. Dieser Raum fragt deshalb nach den Grenzen zwischen freiwilligem Vertrauen und Selbstaufgabe.

Die Sehnsucht nach Sicherheit prägt moderne Gesellschaften. Kontrollsysteme, Alarmanlagen und die Verschlüsselung von Daten sollen vor Risiken und Unsicherheiten des Alltags schützen. Doch was geschieht mit dem sozialen Wagnis des Vertrauens, wenn technologische Überwachung jedes Risiko ausschließen soll?

Kontrolle zerstört Vertrauen. Die Wahlkabinen von Trevor Paglen und Cristiana Cott Negoescu sind mit Überwachungskameras ausgestattet.© Stadt Bottrop

Wo Vertrauen durch permanente Kontrolle ersetzt wird, verändert sich das Zusammenleben. Vertrauen braucht Raum für das Unbekannte und die Möglichkeit, sich ohne Überwachung auf andere einzulassen. Kameras registrieren jede Bewegung, Algorithmen sagen Verhalten voraus und Sicherheitssysteme überwachen immer größere Bereiche. Aus Schutz wird Überwachung.

Die US-amerikanische Künstlerin Julia Scher kombiniert Sicherheitstechnik mit der Ästhetik eines privaten Garagenverkaufs. Sie zeigt, wie Freiheit für das Versprechen von Sicherheit aufgegeben wird. Zugleich stellt sie die Frage, ob Vertrauen nicht den Mut verlangt, das Unkontrollierbare zuzulassen.

Vertrauen beweist sich am stärksten dort, wo etwas aus der Hand gegeben wird. In einer Kultur, die von Besitzansprüchen, der Sicherung der Urheberschaft und der Angst vor Kontrollverlust geprägt ist, wirkt das bewusste Loslassen fast wie eine Provokation. Geschichten, Besitztümer und Ideen werden oft festgehalten, um sie vor Verlust und dem Enttäuscht-Werden zu bewahren. Doch Vertrauen beginnt mit dem Freigeben: Wer etwas abgibt, macht sich verletzlich und vertraut darauf, dass das Eigene nicht im Miteinander verloren geht, sondern im Austausch wächst und neue Resonanz erfährt.

Um Vertrauen in seinen intimsten und zugleich extremsten Formen geht es bei Videoinstallation von Marina Abramovic & Ulay und dem Schachspiel von Yoko Ono.© Stadt Bottrop

Das Werk von Shimabuku führt weg von der Vorstellung des abgeschlossenen, statischen Kunstwerks und hin zu einer Kunst der Beziehung und des Austauschs. Indem Künstlerinnen ihre Werke für andere öffnen, teilen sie Autorität und stellen die Vorstellung individueller Schöpfung infrage. Verbundenheit entsteht dort, wo die Grenzen des Eigenen geöffnet und andere Perspektiven zugelassen werden.

Wie wird politische und ökonomische Macht legitimiert? Wem schenken Menschen ihr Vertrauen, wenn die Versprechen bestehender Systeme ins Wanken geraten? Das Zusammenleben beruht auf einem abstrakten Vertrauen in Institutionen, Märkte und rechtliche Ordnungen. Es erleichtert den Alltag, weil nicht jede Regel und Entscheidung ständig hinterfragt werden muss.

Doch solche Systeme sind keineswegs neutral. Sie werden von Menschen geschaffen, durch Rituale und Traditionen eingeübt und oft dazu genutzt, bestehende Machtverhältnisse zu sichern. Je komplexer politische und wirtschaftliche Strukturen werden, desto leichter kann Vertrauen ausgenutzt werden. Aus Vertrauen wird dann eine verhängnisvolle Gläubigkeit, die Manipulation und Betrug begünstigt.

Alice Creischer und Andreas Siekmann richten den Blick auf Symbole politischer und ökonomischer Macht. Mit ihrer Arbeit hinterfragen sie vertraute Vorstellungen von Ordnung und Macht. Sie fordern auf, genauer hinzusehen, worauf gesellschaftliches Vertrauen beruht.

Die comichafte Plastik von Martin Kippenberger begrüßt die Besucher gleich zu Beginn der Ausstellung.© Stadt Bottrop

Das zwischenmenschliche Vertrauen entfaltet sich oft nicht in großen Gesten, sondern in stillen und persönlichen Momenten. Es bedeutet, sich verletzlich zu machen und einem anderen Menschen etwas Wertvolles anzuvertrauen. Das kann ein Gegenstand oder eine Erinnerung sein. Vertrauen lässt sich nicht erzwingen. Es wächst durch Zuhören, Aufmerksamkeit und Fürsorge. Lee Mingwei lenkt den Blick auf behutsame Formen der Zuwendung. Sein Werk zeigt, wie der Umgang mit Beschädigtem und Verletzlichem neue Verbindungen schaffen kann. Risse und Brüche müssen dabei nicht verborgen werden. Sie können sichtbar machen, was Menschen miteinander verbindet.

Gleichzeitig verhandelt er das Paradox des vertrauensvollen Loslassens. Wer etwas aus der Hand gibt, gibt Kontrolle ab. So verschiebt sich der Wert vom Besitzen hin zum Teilen und Erleben. Geschichten über das Miteinander werden zu Wegweisern: Sie erzählen davon, wie Vertrauen Nähe schafft und den Blick für andere öffnet.

Wie entstehen gemeinsame Überzeugungen? Und wo verläuft die Grenze zwischen Vertrauen und Manipulation? Das eigene Weltbild beruht nur zum Teil auf eigenen Erfahrungen. Vieles wird durch Gespräche, Medien, politische Versprechen und historische Dokumente vermittelt. Jede Erzählung erfordert einen gewissen Vertrauensvorschuss. Sie eröffnet eine mögliche Sicht auf die Welt. Doch je komplexer die Welt wird, desto schwieriger wird es, zwischen Information, Überzeugung und Täuschung zu unterscheiden.

Trevor Paglen und Cristiana Cott Negoescu beschäftigen sich auf unterschiedliche Weise mit der Frage, was als glaubwürdig gilt: die Versprechen demokratischer Parteien oder die spekulativen Berichte über Phänomene am Rande unserer Wahrnehmung. Beide Narrative stellen die Vertrauensfrage.

Wenn politische Versprechen sich als leer erweisen und staatliche Akteure die Wahrnehmung von Realität beeinflussen, wird Glaubwürdigkeit zu einem umkämpften Terrain. Die Arbeiten zeigen, wie sich die Sehnsucht nach Sicherheit und Sinn für Manipulation ausnutzen lässt.

Fotografien galten lange als Fenster zur Welt und als Zeugnis der Wahrheit. Es besteht die Erwartung, dass Fotografien Geschehenes festhalten, Porträts das Wesen der Abgebildeten spiegeln und Bilder verlässliche Orientierung bieten. Doch jede Fotografie ist ein Konstrukt und zeigt nur einen Ausschnitt der Wirklichkeit oder eine Illusion. Durch digitale und maschinell erzeugte Bilder wird es zunehmend schwieriger, zwischen Dokumentation und Inszenierung zu unterscheiden. Das Vertrauen in fotografische Bilder gerät ins Wanken.

Die Werke von Thomas Demand und Gauri Gill verdeutlichen, wie Bilder eine Wirklichkeit inszenieren. Wenn sich Wahrheit und Täuschung nicht mehr unterscheiden lassen, reicht bloßes Hinschauen nicht aus. Vertrauen braucht Aufmerksamkeit und die Bereitschaft, Bilder zu hinterfragen. Die Arbeiten zeigen Porträts als Räume der Selbstdarstellung. Vertrauen wird so zu einer alltäglichen Praxis des Hinschauens und Hinterfragens. Die interaktive Skulptur von Paul Ramirez Jonas führt pointiert vor, wie Vertrauen im Laufe der Jahrhunderte an verschiedene Autoritäten und Akteuren gebunden ist, um Zuversicht und Hoffnung zu schenken.

Die Ausstellung „Longing for Trust / Über das Vertrauen in der Kunst“ ist im Josef Albers Museum Quadrat Bottrop, Anni-Albers-Platz 1, bis zum 7. März 2027 zu sehen.

Die Ausstellung wird gefördert durch das Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen, die Egon Bremer Stiftung und das Ministerium für Kultur Taiwan.