JOSEF ALBERS MUSEUM QUADRAT BOTTROP

Judith Joy Ross. Living With War. Portraits 1983 – 2007

9. März bis 1. Juni 2008

Judith Joy Ross zählt zu den wichtigen amerikanischen Fotografen in der Tradition des "dokumentarischen Stils", deren Arbeit in Europa gleichwohl noch zu entdecken ist. Seit über 30 Jahren widmet sie sich ausschließlich dem Portrait. Ihre Schwarz-Weiß-Fotografien konzentrieren sich dabei ganz auf die Physiognomie der Menschen, um durch sie die innere Wirklichkeit der Portraitierten herauszuarbeiten. Sie verzichten auf alle darüberhinaus gehenden zeittypischen Attribute. Gleichwohl geht es der Künstlerin nicht allein um eine Individualpsychologie, sondern ebenso um eine historische und existentielle Dimension. Ähnlich wie in August Sanders (1876 - 1964) Werk Menschen des 20. Jahrhunderts ist auch bei Ross das Individuum eingebunden in seine Zeit und deren geschichtliche Koordinaten. Neben Kindern und Jugendlichen zählen deshalb besonders solche amerikanischen Bürger zu den bevorzugten Partnern der Fotografin, die unmittelbar an der politischen Wirklichkeit ihres Landes Anteil nehmen. So ist eine ihrer wichtigen Bildserien Politikern des amerikanischen Kongresses und ihren Mitarbeitern gewidmet (1986/87).

Die Ausstellung im Josef Albers Museum fasst nun erstmals drei Gruppen von Portraits amerikanischer Menschen zusammen, die auf unterschiedliche Weise zu den Kriegseinsätzen der USA in den letzten dreißig Jahren in Beziehung stehen.

Die erste Gruppe mit dem Titel Protest the War ist zugleich die chronologisch jüngste: Sie entstand 2006/07 und zeigt Menschen, die in den USA gegen die Teilnahme ihres Landes am Irakkrieg demonstrieren. Begleitet werden diese Bilder von Aufnahmen, die vor mehr als 15 Jahren entstanden. Sie portraitieren Soldaten, die unmittelbar vor ihrem Einsatz im ersten Golfkrieg stehen. Eine letzte Gruppe entstand 1983/84 am Vietnam Veterans Memorial in Washington, D.C.: Sie stellt in Einzelportraits dessen Besucher vor, Veteranen oder Familienangehörige, die sich der Gefallenen des Krieges in Südostasien erinnern.

Die Portraits von Judith Joy Ross nehmen nicht Partei für eine bestimmte politische Richtung, sondern stellen die Unersetzbarkeit des Individuums als Grundlage des geschichtlichen Prozesses heraus. Die Bilder entstehen mit einer großformatigen Plattenkamera (ca. 20 x 25 cm), ausgestellt werden Kontaktabzüge, nicht Vergrößerungen. Die souveränen Kompositionen verdanken sich einem Zusammenspiel zwischen der schweren, unhandlichen Kamera und einer spontanen Interaktion der Fotografin mit den Portraitierten. Das fotografische Bild erreicht hier eine Unmittelbarkeit, in der sich das Individuum und seine inneren Prozesse des Fühlens und der Erinnerung unmittelbar auszudrücken scheinen.

Judith Joy Ross wurde 1946 in Hazleton, Pennsylvania, geboren. Sie studierte Fotografie am Chicago Art Institute. Heute lebt sie in Bethlehem, Pennsylvania. Für ihre fotografischen Arbeiten hat sie zahlreiche Auszeichnungen und Preise erhalten, u. a. den Charles Pratt Memorial Award, ein Artist Fellowship des National Endowment for the Arts und ein John Simon Guggenheim Memorial Foundation Fellowship. Das Museum of Modern Art, New York, widmete ihr 1995 eine Einzelausstellung. Ihre Ausstellung im Josef Albers Museum ist erst ihre zweite Präsentation in einem europäischen Museum.

Zur Ausstellung ist im Steidl Verlag, Göttingen, ein Buch erschienen:
180 Seiten mit 84 Abbildungen und einem Essay von Heinz Liesbrock. Preis: 29 Euro.