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Boy

Vom kleinen Dorf am Rande der Stadt. Die Boy hat trotz Neubauten Charakter bewahrt.

Erst Boyer, dann Bottroper

„Ich bin in erster Linie Boyer, erst dann Bottroper!", sagt Achim Kubiak, dessen Familie seit Generationen im östlichsten Stadtteil lebt. Viele Alteingesessene werden ihm zustimmen. Ein Dorf am Rande der Stadt, das war die Boy noch bis in die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Und auch heute hat sie sich ein Stück dieses Charakters bewahrt.

© Stadt Bottrop

Boyer Geschichte

Ein ganzes Buch widmete Achim Kubiak seinem Stadtteil, randvoll mit Fotos und Geschichten von damals und von heute. „Sonntags morgens habe ich immer mit meinem Sohn zusammen gesessen und alte Bilder aus der Familienfotokiste angeschaut. Und dann hat er natürlich nachgefragt: ‚Papa, wie war das damals?'", erzählt der Leiter einer Werbeagentur.

Das gab den Anstoß, die Geschichte und die Geschichten aus der Boy zu sammeln. Etwa die Geschichte, dass die Boy, die im Norden und Osten ganz vom namensgebenden Fluss Boye um- und abgeschlossen wird, Anfang des 19. Jahrhunderts so dünn besiedelt war, dass es keine Straßennamen, sondern nur Hausnummern gab. Lediglich die „Straße nach Horst", die heutige Horster Straße, die nach Gelsenkirchen führt, hatte schon eine feste Bezeichnung.

Dann aber wuchs die Bevölkerung rapide und es wurde zum Beispiel eine Schule notwendig. Die 1830 eingeweihte Johannesschule ersparte den rund 100 Boyer Schülern den Weg bis in die Innenstadt. Auch eine eigene Kirche wurde bald nötig, weil die Kapelle des Guts Welheim, die die Boyer bis dahin besuchten, zu klein für die gestiegene Bewohnerzahl war.

1898 war es schließlich so weit: mit der Johannes-Kirche konnte das zweite Bottroper Gotteshaus eingeweiht werden. Der ursprüngliche Bau wurde während des Zweiten Weltkrieges bis auf die Grundmauern zerstört. Darum sieht man dem heutigen neuen Kirchenschiff an der Johannesstraße seine ursprüngliche Entstehungszeit nicht an. Der Bahnhof Boy trug 1925 weiter zur Unabhängigkeit des Stadtteils von der Innenstadt bei. „Für uns hier hat das immer ein Stück Freiheit bedeutet", beschreibt Achim Kubiak.

© Stadt BottropDie Boye umfließt den Stadtteil im Norden und Osten.

Zwischen Kohle und Acker

Heute ist der Haltepunkt Boy neben dem Hauptbahnhof und dem Bahnhof Vonderort der einzig übrig gebliebene auf dem Gebiet von Alt-Bottrop. Dabei blieb die Boy bis in die Nachkriegszeit immer ländlich geprägt. Die Bewohner lebten in ihren Kotten mit dem angrenzenden Acker.

Dieser wurde wenn nicht hauptberuflich, dann zumindest zur Selbstversorgung bestellt. Zwar hatte die Boy wie die meisten Stadtteile auch ihre Zeche. Die „Vereinigte Welheim" stand auf dem heutigen Ostermann-Gelände. Die Bergarbeitersiedlung zur Zeche befand sich jedoch im Ortsteil Welheim. Dadurch veränderte der Bergbau die Boy nicht so einschneidend, wie andere Stadtteile Bottrops.

"Ur"-Boyer Familien

Alfred Wieschenkämper GRoßeltern haben auch noch in einem Kotten mit dazugehörigem Land an der Hebeleckstraße gewohnt. Die Familie hat eine lange Tradition. Seit „1700 und noch was" ist sie als Schreiner und Bestatter in der Boy ansässig. Der Hobel des Vorfahren Dietrich Wieschenkämper ist der Beweis. „Früher war man hier für alle Holzarbeiten zuständig, hat den Menschen die Wiege und am Ende auch den Sarg gezimmert", erklärt Alfred Wieschenkämper die Kombination von Schreiner und Bestatter. In der achten Generation leitet der 49-Jährige das Familienunternehmen.

Auch heute noch sehen die Boyer die Firma Wieschenkämper als „ihren" Schreiner an, auch wenn der Betrieb mit den fünf Beschäftigten kaum noch Aufträge aus dem Stadtteil bearbeitet, sondern für große Wohnungsbau-Gesellschaften im ganzen Ruhrgebiet tätig ist. „Aber es kommt immer wieder vor, dass die Leute mit einem wackeligen Stuhlbein auf den Hof kommen, und dann helfen wir natürlich auch weiter," erklärt Wieschenkämper. Eine Selbstverständlichkeit unter Nachbarn eben.

Auch der Freiluft-Altar für den Fronleichnamsgottesdienst der Gemeinde St. Johannes stammt aus seiner Werkstatt. Der Geschäftsmann denkt auch nicht daran, mit seiner Firma aus dem Wohn- ins Gewerbegebiet umzusiedeln: „Ich fühle mich hier mit meinem Betrieb und als Anwohner sauwohl!"

Gute Nachbarschaft und gewachsene Strukturen

Die gute Nachbarschaft und die gewachsenen Strukturen, das ist es auch, was Achim Kubiak an der Boy so liebt. Er selbst wohnt im Haus der Familie von 1897 auf der Straße „Im Boytal", das er selbst mühe- und liebevoll restauriert hat. Allerdings gibt es auch Kritikpunkte. „In den letzten Jahren ist die Boy regelrecht zugebaut worden", findet er.

Nach dem Aufbau-Boom der Nachkriegszeit, der den ländlichen Charakter schon teilweise dran glauben ließ, wurden in den 80er-Jahren auch die letzen Felder zwischen den Wohnstraßen von der Neubebauung „gefressen". Mit der ländlichen Idylle ist es heute vorbei. „Als ich Kind war, sind wir mit der Familie immer zu Ostern von hier durch die Felder bis zum Tor der Zeche Rheinbaben im Eigen marschiert", erzählt Achim Kubiak. „Von diesen Feldern ist heute nichts mehr da."

© Stadt BottropHier herrscht noch die alte Idylle: Das Boytal ist auf einen kurzen Streifen Grün geschrumpft.

"Früher war hier die Welt zu Ende, jetzt haben wir eine Betonwüste"

An ihrer Stelle befindet sich unter anderem seit 1992 der neue Gewerbepark Boy. Nur der Liesenfeldhof, der am Ende der Liesenfeldstraße ganz im Norden des Stadtteils an den Ostfriedhof grenzt, besteht mit seinen Feldern noch heute und sorgt damit unter anderem für leckere Kartoffeln. Vor allem die Baumaßnahmen am nördlichen Ende der Heimannstraße fand Kubiak überdimensioniert, startete sogar öffentliche Protestaktionen.

„Früher war hier die Welt zu Ende, jetzt haben wir eine Betonwüste", beschwert sich der Werbedesigner. Dass neue Bewohner in seinen schönen Stadtteil ziehen wollten und die natürlich Wohnraum brauchen, dafür hat Kubiak andererseits auch Verständnis. „Aber ein, zwei Stockwerke
weniger hätten es schon sein können."

Die Johannesstraße - Schmuckstück der Boy

Aber es gab in der jüngsten Zeit auch positive bauliche Entwicklungen in der Boy. Die Johannesstraße wurde im Rahmen des Bauprogramms „Stadtteil mit besonderem Erneuerungsbedarf", in das die Boy zusammen mit Welheim
1989 aufgenommen wurde, komplett neu gestaltet und verkehrsberuhigt.

Mit ihrem roten Pflaster bildet sie einen schmucken Hintergrund für die vielen kleinen Geschäfte rechts und links an ihrer Seite. „Anheimelig", findet Achim Kubiak. Die Johannesstraße ist damit zum neuen alten Schmuckstück der Boy geworden. Eine enorme Aufwertung für den Stadtteil, auch wenn der Lärm der Autos, die über das neue Pflaster rattern, manchen Anwohner mächtig stört.

Besondere Image-Aufwertung hat die Schließung der Hüls-Werke an der Ecke Horster Straße/B224 und die Reintegration und Neunutzung der Fläche gebracht. Wo bis Anfang der 90er-Jahre die Chemischen Werke ihre Schadstoffe in die Luft bliesen, bisweilen sogar weiße Flocken vom Himmel fielen und die Augen brannten, ist neuer Wohnraum für junge Familien und eine interessante Gewerbefläche entstanden.

Freizeitmöglichkeiten

Gerade entsteht auf dem Gebiet das Jugend-Kombihaus mit Jugendzentrum, Hotel und Veranstaltungshalle, damit auch die Jugend im „Dorf" bleiben kann und nicht für die Freizeitgestaltung bis in die für sie ferne Innenstadt fahren muss. Auch ansonsten zieht es die Jugendlichen eher wenig in die Bottroper Mitte. Die Kinder von Alfred Wieschenkämper besuchen wie viele Gleichaltrige ein Gymnasium nicht in der Innenstadt, sondern in Gladbeck wegen guten Busanbindung.

Ebenso ist für sie das Freibad in Wittringen näher als das Bottroper Stenkhoffbad. Auch die Erwachsenen zieht es nicht allzu oft in den Stadtkern. Eingekauft wird in der Boy, darauf legen besonders die alteingesessenen Bürger wert. Viele Menschen aus den umliegenden Stadtteilen gehen ebenfalls dienstags und freitags „inne Boy", um sich auf dem Markt des Nebenzentrums mit frischen Lebensmitteln einzudecken. In seiner Freizeit erobert Alfred Wieschenkämper mit seiner Familie mit dem Fahrrad statt des Kölnischen Waldes den Wittringer Park hinter der Gladbecker Stadtgrenze mit seinem Wasserschloss. Am Feuchtbiotop direkt am Übergang über die Boye kann er dabei mit ein wenig Glück sogar Graureiher und andere seltene Tiere beobachten.

Daten, Zahlen, Fakten

Die Boy hat ihren Namen von dem Fluß Boye, der ihn im Norden und Osten nach Gladbeck abgrenzt. Im Süden bildet eine Zechenbahn die Trennlinie zu Welheim, im Westen grenzt eine weitere Zechenbahn entlang des Ostfriedhofs den Stadtteil nach Batenbrock ab.

1830 tritt die Boy erstmals mit der Gründung der Fürstenbergschule deutlich in Erscheinung. 1898 wird die Johannes-Kirche als zweites Gotteshaus eingeweiht. Beide Einrichtungen waren aufgrund der gestiegenen Bevölkerungszahl nötig geworden. Heute leben knapp 9000 Menschen auf rund viereinhalb Quadratkilometern in Bottrops östlichstem Stadtteil. Mit den Geschäften an der Johannesstraße und dem Boyer Markplatz bildet er ein Nebenzentrum, das auch Menschen aus den umliegenden Ortsteilen anzieht.

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