Understatement in der Fankurve

Ein Stimmungsbericht von den Billardwettbewerben
"Sport" - beim Gedanken an dieses Wort erscheinen im Ruhrgebiet Fankurven mit wild geschwenkten Fahnen vor dem inneren Augen, stolz hochgehaltene Schals mit dem Namen der geliebten Vereine, Spieler, die unter frenetischen Anfeuerungschören versuchen, den Ball ins Tor zu schließen.

Nicht so beim Billard, welches zur Zeit im Rahmen der World Games im Bottroper Saalbau gespielt wird. Doch auch hier dreht sich alles um "Bälle", mögen sie auch kleiner sein als beim Fußball, in weitaus größerer Anzahl auftreten und hier Kugeln genannt werden.

Beim Billard beherrschen vornehm gekleidete Damen und Herren in schwarzen Hosen, weißen Hemden und Westen das Bild. Vornehm ist auch das Spiel selbst, welches seine adligen Wurzeln nicht verleugnen will. Sogar die Schiedsrichter, die mit weißen Handschuhen und Krawatten im World Games Logo die Spiele begleiten, erinnern in ihrer freundlichen, zurückhaltenden Art fast an englische Butler.

"Billard" ist aber nur der Oberbegriff für die im Saalbau gezeigten Sportarten. Genauer handelt es sich um drei unterschiedlichen Billardvariationen, die in vier verschiedenen Turnieren zeitgleich gespielt werden: In Snooker, Pool und Dreiband treten die Herren gegeneinander an, während sich die Damen auf Pool beschränken.

Der Saalbau ist bereits seit Wochen ausverkauft, was das Interesse an diesem Sport - auch in der Fußballregion Ruhrgebiet - unterstreicht. Die Besuche von Ron Froehlich, Präsident der International World Games Association, von Kelly Fairweather, Sportdirektor des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), aber auch von "Billard-Legenden" wie dem Belgier Raymond Ceulemans verdeutlichen ebenfalls den hohen Stellenwert, den die Wettkämpfe in Bottrop einnehmen.

Begleitet von dezenten klassischen Tönen als Hintergrundmusik, folgen mehrere hundert Augenpaare gebannt dem Lauf der Kugeln. Da vier Spiele gleichzeitig stattfinden, ist es erforderlich, die Konzentration auf lediglich ein Spiel zu richten - mag die Wahl zwischen Snooker, Pool und Dreiband auch noch so schwer fallen. Aufmerksam betrachten die Zuschauer den hochkonzentrierten Blick der Teilnehmer, ihr bedächtiges Anvisieren der zu stoßenden Kugel, das Wechseln der verschiedenen Queues. Nur Applaus erinnert gelegentlich daran, dass nicht nur auf dem eigenen beobachteten Tisch, sondern auch auf den weiteren Spielfeldern um Medaillen gerungen wird. Oder auch ein Seufzer, ein stummer Aufschrei, der durch den Raum geht, sobald eine Kugel nur um Millimeter ihr Ziel verfehlt.

Spieler, deren Gegner gerade am Zuge sind, nehmen auf bereitgestellten Stühlen Platz, wo sie mit einer Mischung aus Angespanntheit und Hilflosigkeit das Vorgehen ihres Gegenparts beobachten. Jede Bewegung ihres Gegners wird sorgsam registriert; jede Bewegung der Kugel mit größter Aufmerksamkeit verfolgt. Da nach dem KO-System gespielt wird, kann jeder Kugelstoß von höchster Bedeutung sein. Besonders bitter ist diese Erfahrung für diejenigen unter den ausländischen Spielern, die von weither angereist waren und bereits in den Vorrunden ausschieden, wie zum Beispiel Roland Acosta, der von Aruba, einer Insel in der Karibik, nach Bottrop gekommen war.

Mag es auch zwischen Fußball und Billard nur wenige Gemeinsamkeiten geben, etwas haben beide Sportarten gemein: Die Spannung unter den Zuschauern, das Mitfiebern für die eigenen Landsleute oder die Sympathie für einen bestimmten Spieler sowie die Freude, wenn dieser einen Ball - oder eine Kugel - versenkt hat. Und der Wunsch nach einem Autogramm vom Lieblingsspieler fehlt wie bei jeder Sportart auch beim Billard nicht.

Heiner Geldermann

(22.07.2005)