Anonyme Skulpturen - Zeugen einer vergessenen Kunst

Bernd und Hilla Becher stellen im Museum Quadrat aus


Fotografien von Bernd und Hilla Becher sind Museum Quadrat zu sehen.

Im Blick von Bernd und Hilla Becher wirken die Zechenanlagen des Ruhrgebiets wie stille Monumente einer vergangenen Epoche, die - auch wenn sie heute nicht mehr in Funktion sind - den Charakter der Region nach wie vor prägen. Zugleich erscheinen die Fotografien von heute aus auch als historische Dokumentation von enormem Ausmaß, die eine inzwischen untergegangene Industrie- und Baukultur vor dem Vergessen bewahren wird.
Im Archiv der Bechers kommt dem Ruhrgebiet als einem stark verdichteten Konglomerat von Anlagen der Schwerindustrie große Bedeutung zu. Die für die Geschichte der Region so wichtige Sprache der Architektur von Zechen und Stahlwerken findet in der fotografischen Dokumentation zu einer gültigen Darstellung. Anhand der funktionalen Bauten lassen sich für jede Anlage wichtige Daten zur geografischen Lage, aber auch Hinweise etwa zur Fördertiefe der Kohle ablesen. Das Umland sowie die Wohnhäuser erzählen viel über die Lebenssituation der Arbeiter.

1969 prägten die Fotografen den Begriff der "Anonymen Skulptur", um auf die formalen Qualitäten der Industriearchitektur hinzuweisen, die im Bewusstsein der zumeist unbekannten Baumeister jedoch kaum eine Rolle spielten.

Das Werk der Bechers ist stets ein Ausbalancieren zwischen bildender Kunst und fotografischer Dokumentation. Für sie gehen die Gebäude und Anlagen nicht einfach in einer Funktion auf, sie scheinen vielmehr in ihren teilweise ausufernden Strukturen ein Eigenleben zu entwickeln. "Wir haben uns diese anonyme Architektur richtig erarbeitet, Objekt für Objekt, bis wir begriffen haben, welche unglaubliche Vielfalt in diesem Sujet steckt", sagt Hilla Becher.

Diese Vielfalt erschließt sich besonders in einer möglichst exakten Abbildung, deren Genauigkeit zunächst jede persönliche Lesart ausblendet. Um eine höchstmögliche Objektivität in der Darstellung zu gewährleisten, ist es notwendig, die Industriebauten stetig unter annähernd gleichen Bedingungen aufzunehmen. Am liebsten bei "gedämpftem Licht oder bei milder Sonne, um das Auftreten starker Schatten zu vermeiden, die ja eine zweite Form schaffen, die wir nicht wollen." Im Frühjahr und Herbst erreichen sie diese Neutralität am besten. Eine Verzerrung der riesigen Objekte verhindern sie durch einen leicht erhöhten Standpunkt, so geben die Fotografien die gesamte Silhouette einer solchen Industrieanlage wieder. Wie bei allen Aufnahmen ist auch bei diesen Industrielandschaften das Kriterium für die Auswahl ein subjektives: Immer wollen die Fotografien ein exemplarisches Beispiel für den Ort und die Zeit abgeben. Das Medium der Schwarzweiß-Fotografie behalten sie stets bei. Nur so besteht die Möglichkeit, zeitlich wie regional weit auseinander liegende Aufnahmen überhaupt zu vergleichen.

Diese Arbeitsweise fordert eine spezielle Art der Präsentation. Wenige ausgewählte Objekte werden unter formalen Gesichtspunkten zusammengestellt - von den Künstlern kreierte Typologien - und ermöglichen dem Betrachter ein vergleichendes Sehen: Das Erkennen von Ähnlichkeiten und Unterschieden.

Ästhetik des Abbilds

Neben diesem dokumentarischen Ansatz gibt es vor allem ein Kriterium, das die Industrielandschaften unserer Ausstellung von den Typologien mit ihrer Konzentration auf einzelne Baukörper unterscheidet: es ist die Bedeutung der bildlichen Komposition. Die Motive sollen neben dem dokumentarischen Anspruch auch "ein gutes Bild" ergeben.

Es ist eine unverkennbare Stimmung, die von diesen Bildern ausgeht. Vom Dreck und Lärm, der die Anlagen immer umgab, ist nichts zu erkennen. Bergwerke und Hütten, Kohle und Stahl sind zu Markierungen einer vergangenen Zeit geworden. Dennoch ist der Strukturwandel nicht abgeschlossen. Dort, wo früher Industrielandschaften blühten, liegen heute viele Flächen brach, immer noch nicht freigegeben von den einstigen Giganten der Montanindustrie. Heute stehen, auch dank des Interesses der Bechers, viele dieser letzten Zeugen einer abgeschlossenen Epoche unter Denkmalschutz, so die Zeche Zollverein oder das Hüttenwerk in Duisburg-Meiderich. Die Kraftzentrale im heutigen Landschaftspark Duisburg-Nord umgibt ein riesiger Bilderfries der Bechers, ihre einzige Installation unterfreiem Himmel. An fast all den genannten Orten haben mit der Zeit viele, gerade kulturelle Anlagen des 'neuen' Ruhrgebiets Einzug gehalten. In diesem Kontext bildet die Ausstellung in Bottrop Bernd und Hilla Becher. Bergwerke und Hütten gleichsam den Auftakt des Kulturhauptstadtjahres im Ruhrgebiet.

Öffnungszeiten

Die Ausstellung ist vom 7. Februar bis zum 2. Mai im Josef Albers Museum Quadrat, Im Stadtgarten 20, zu sehen. Die Öffnungszeiten sind dienstags bis samstags von 11 bis 17 Uhr, sonn- und feiertags von 10 bis 17 Uhr. Montags ist das Museum geschlossen. Der Eintritt kostet sechs Euro, ermäßigt vier Euro.

Führungen durch die Ausstellung

21. Februar, 11. April und 2. Mai - jeweils 15 Uhr.

Familienführung: 21. März - 11 Uhr.

(20.01.2010)



Lesen Sie auch hier:

Weitere Infos im WWW: